Vorschau auf das Flutlichtrennen: Über Geschichte, Land und Leute des asiatischen Stadtstaates Singapur – 1.500 Leuchten für Helligkeit wie am Tag
2011 ist das 62. Jahr seit Gründung der Formel-1-Weltmeisterschaft, aber die Formel 1 wäre nicht die Formel 1, wenn sie sich nicht immer wieder etwas Neues einfallen lassen würde. Und so kam Bernie Ecclestone auf die Idee, dass es doch eine feine Sache wäre, einen Grand Prix bei Nacht zu fahren – 2008 war es schließlich soweit: Singapur wurde in den Kalender aufgenommen und richtet seither das einzige Formel-1-Nachtrennen aus.
Der geschäftstüchtige Brite schlägt so zwei Fliegen mit einer Klappe, denn einerseits erschließt er mit dem Flutlichtrennen in der asiatischen Metropole Singapur weiter den so lukrativen Markt im Fernen Osten, aber andererseits geht das nicht auf Kosten der traditionellen europäischen TV-Zuschauer, denn die sechs Stunden Zeitverschiebung nach Mitteleuropa wird durch die um sechs Stunden nach hinten verlegte Startzeit vor Ort (20:00 Uhr) ausgeglichen.
Viermal so hell wie ein Fußballstadion
Das macht freilich eine Flutlichtanlage erforderlich, die viermal so hell (3.000 Lux) leuchtet wie die eines großen Fußballstadions, um die 5,073 Kilometer lange Strecke ausreichend beleuchten zu können. Der Auftrag für die Errichtung dieser Flutlichtanlage wurde der italienischen Firma Valerio Maioli erteilt, die bereits Monate vor der Premiere 2008 ihre mit Philips-Leuchten ausgestatteten Masten aufgestellt und diese Ende März 2008 erstmals getestet hat.
Die Halogenprojektoren mit je 2.000 Watt Leistung sind im Abstand von vier Metern auf den zehn Meter hohen Trägern angebracht. Insgesamt bedeutet dies eine Gesamtleistung der Flutlichtanlage von 3,18 Millionen Watt. Energiequelle dafür sind zwölf Doppelgeneratoren, von denen jeder einzelne das gesamte System im zugewiesenen Bereich aufrechterhalten könnte. Das Risiko einer plötzlichen Verdunkelung wegen eines Stromausfalls geht also gegen null Prozent.
Hinsichtlich des Fahrens bei Nacht gab es vor der Premiere 2008 vielerorts Bedenken. In Wahrheit haben die Veranstalter in Singapur einen hervorragenden Job gemacht, sodass die Sicht niemandem größere Probleme bereitet. Spezielle Vorbereitung erforderte jedoch das Gefahrenpotenzial von Reflektionen bei nasser Fahrbahn – jeder Autofahrer weiß, wie unangenehm die Straßenbeleuchtung sein kann, wenn es regnet. Doch darauf haben die Helmhersteller mit entspiegelten Visieren reagiert.
“Vor dem ersten Singapur-Grand Prix glaubten wir noch, die Boxenmannschaft müsste mit Bergarbeiterlampen auf den Helmen arbeiten”, lacht Renault-Teammanager Steve Nielsen. “Aber das Licht ist dermaßen hell und wird so gut gestreut, dass wir solche Lösungen getrost vergessen können. Du merkst gar nicht, dass es tiefe Nacht ist – außer, du schaust zwischendurch mal in den Himmel.” In der Tat: Lichtmessungen in der Boxengasse ergaben Werte um die 2.200 Lux, heller als die Beleuchtung eines normalen TV-Studios mit rund 1.000 Lux. Die Garagen werden mit etwa 800 Lux ausgeleuchtet, was dem Doppelten einer durchschnittlichen Bürobeleuchtung entspricht.
Eine weitere Herausforderung stellt der Jetlag dar. Reisen die Fahrer normalerweise mindestens eine Woche vor dem Event zu den Überseerennen an, so erübrigt sich eine derart akribische Vorbereitung in Singapur. Stattdessen empfiehlt es sich, einfach in der Europazeit weiterzuleben, weil die Startzeiten vor Ort dann ohnehin nach hinten versetzt sind. “Ich stelle meine Uhr gar nicht um”, sagen einige Formel-1-Fahrer.
Vor- und Nachteile des veränderten Zeitplans
Bei den Arbeitszeiten für die Teams ist in Singapur natürlich auch einiges anders, denn die Mechaniker schlafen vormittags länger, beginnen etwas später und arbeiten dafür noch tiefer in die Nacht hinein als sonst. Das hat Vor- und Nachteile: Einerseits verliert man abends Zeit, wenn man vor dem nächsten Tag noch etwas reparieren oder umbauen muss, andererseits hat man dafür am nächsten Morgen mehr Zeit als sonst.
Obwohl Singapur der mitteleuropäischen Zeit sechs Stunden voraus ist, verzichten alle Teammitglieder auf eine Akklimatisierung und bleiben auf ihrem europäischen Rhythmus. Das wiederum bedeutet, dass die Mechaniker zwar Nachtschichten schieben müssen, diese aber gar nicht als solche empfinden, weil sie zu den europäischen Kernarbeitszeiten stattfinden. “Wir steigen aus dem Flugzeug und bleiben einfach auf europäischer Zeit”, erklärt Nielsen. “Der Abstecher nach Singapur belastet uns alle deshalb viel weniger als beispielsweise der Trip nach China, denn wir umgehen den Jetlag komplett.”
Das Singapur-Rennen wie einen europäischen Lauf zu behandeln, spart auch eine Menge Zeit: “Für Überseerennen in Asien planen wir normalerweise einen Extratag ein, damit sich das Team an die Zeitumstellung gewöhnen kann. Da das vor dem Nachtrennen nicht nötig ist, können wir einen ganzen Tag später losfliegen”, verdeutlicht er.
Wie sehen die Arbeitszeiten in Singapur denn genau aus? Gegenüber den Europarennen ist der lokale Zeitplan um sieben bis acht Stunden nach hinten geschoben. Anstatt um 8:00 Uhr morgens beginnt der Arbeitstag also erst um 15:00 Uhr nachmittags und endet am frühen Morgen. “Manchmal sehen wir auf dem Weg ins Hotel die Sonne aufgehen”, berichtet Nielsen.
Dieser Kunstgriff, durch die Verlegung des Rennens in die Nacht die übliche Startzeit von 14:00 Uhr in Mitteleuropa zu erzielen, funktioniert nur an einem Ort wie Singapur, der sich voll auf das Abenteuer Formel 1 einlässt und die Voraussetzungen bietet. Als “24-Stunden-City” bietet der Zwergstaat zu jeder Zeit offene Restaurants. Auch die Hotels leisten ihren Beitrag, zum Beispiel, indem sie den Teams das Frühstück zwischen 14:00 und 16:00 Uhr lokaler Zeit servieren.
Was für die Mechaniker gilt, trifft auch auf die Piloten zu: Der Zeitplan stellt sie vor keine körperlichen Probleme. Eher schon die sehr hohe Luftfeuchte, wie Renault-Teamarzt Riccardo Ceccarelli erklärt: “Obwohl das Rennen in der Nacht stattfindet, ist die Luft noch sehr feucht, sodass die Fahrer kaum Abkühlung finden. Der Schweiß bleibt auf der Haut statt zu verdunsten und dadurch Wärme vom Körper abzuführen. Die Körpertemperatur kann deshalb bedenklich ansteigen. Bei Überhitzung gehen Kraft und Konzentration verloren und die Reaktionszeiten werden langsamer.”
Diese körperliche Herausforderung – kombiniert mit dem keine Fehler verzeihenden Marina-Bay-Street-Circuit – erklärt, warum Singapur als eines der anspruchsvollsten Rennen der Saison gilt. Ceccarelli bringt es auf den Punkt: “Für die Fahrer fühlt es sich an wie die mentale Herausforderung von Monaco in Verbindung mit dem kräftezehrenden Tropenklima von Sepang.”
Singapur ist der 67. neue Austragungsort in der Geschichte der Formel-1-Weltmeisterschaft – und mit Sicherheit der bisher spektakulärste. 2008 debütierte in Valencia noch ein anderer Stadt-Grand-Prix, aber der asiatische Stadtstaat Singapur wartet mit einem weitaus spektakuläreren Angebot auf. Die City hat sich herausgeputzt und stellt eine beeindruckende Kulisse dar, die sogar die Skyline von Monte Carlo übertrifft, aber auch sonst hat man sich einiges einfallen lassen.
So führt die Strecke beispielsweise über die Anderson-Bridge auf eine kleine Insel, die über die Marina-Bay-Bridge bei Tempo 260 wieder verlassen wird. Im letzten Sektor folgt dann noch die Unterfahrt durch eine Tribüne – das Zuschauererlebnis, die Autos direkt auf sich zukommen zu sehen, ehe sie unter einem durchbrausen, gibt es sonst nirgendwo. Abschluss ist dann ein langer Linksbogen, durch den man viel Geschwindigkeit für Start und Ziel mitnehmen muss.
Eine der besten Überholmöglichkeiten ist gleich die erste Kurve: “Die Autos liegen nach dem Start direkt nebeneinander. Dort haben auch zwei Boliden gleichzeitig Platz. Wer links, also innen, fährt, hat Vorteile, denn es handelt sich um eine Links/Rechts/Links-Kombination”, erläutert “Motorsport-Total.com”-Experte Marc Surer, der bei Kurve sieben an der Stamford-Tribüne eine weitere Überholmöglichkeit sieht.
Mischung aus Melbourne und Valencia
“Vom Charakter her”, analysiert der ehemalige Formel-1-Pilot aus der Schweiz, “ist Singapur ein Mix aus den Stadtkursen in Valencia und Melbourne. Es gibt mit zwei Brücken eine mehr als in Valencia und eine wunderbare Parkanlage wie in Melbourne.” Und: “Die Formel 1″, hält Surer durchaus erfreut fest, “braucht einfach Abwechslung. Viele Strecken sehen gleich aus. In Singapur gibt es etwas Neues für die Fans.”
Vieles erinnert in Singapur an Monte Carlo: maximaler Anpressdruck, nur 170 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit und großteils Zweiter-Gang-Kurven. Die Fahrbahn an sich ist wie bei jedem Stadtkurs recht wellig – bei der Premiere im Jahr 2008 bot die Formel 1 einige spektakuläre Funkenflug-Bilder. Zwischen den Kurven fünf und sieben wurde zwischenzeitlich eine neue Asphaltdecke aufgetragen.
Seit 2009 gibt es allerdings auch noch weitere Neuerungen: Der Ausgang der um einen Zentimeter tiefer gelegten Boxengasse wurde nun hinter die erste Kurve verlegt und die Einfahrt befindet sich jetzt vor Kurve 22 – diese Änderungen sind eine Reaktion auf die Erkenntnisse aus dem Renndebüt 2008. Die Scheitelpunkte der Kurven 13 und 14 wurden leicht verengt, die Schikane um Kurve zehn (“Singapore-Sling”) wurde etwas verlangsamt. Weiterhin wurden verschiedene Curbs ausgetauscht, um das Unfallrisiko zu verringern.
Das Griplevel in Singapur ist sehr niedrig. Dementsprechend stellt Pirelli die Laufflächenmischungen Supersoft und Soft aus seiner 2011er-Produktpalette zur Verfügung – also jene Pneus, die vor kurzem bereits beim Ungarn-Event in Budapest zum Einsatz gekommen sind. Sie sollen auf diesem Kurs, dessen Straßenoberfläche zu Beginn vermutlich noch schmutzig sein wird, von Anfang an besonders viel Haftung bieten.
Stadtkurse stellen für die Motoren eine geringe Herausforderung dar. Der Volllastanteil ist niedrig. Dafür belasten die Beschleunigungsphasen aus geringem Tempo die Kraftübertragung stärker. Das Getriebe passt sich mit kurzen Übersetzungen an. Die Motoreningenieure legen die Kennfelder für Einspritzung und Zündung so aus, dass die Achtzylinder bereits bei geringeren Drehzahlen mit viel Drehmoment ansprechen.
Quelle: www.formel1.de