Die Vorschau auf das letzte Rennen: Warum Interlagos eine anstrengende Strecke ist und in welchem Hotel man am ehesten die Stars antrifft
Auf der Strecke “zwischen den Seen”, wie das brasilianische Interlagos wörtlich übersetzt heißt, geht die Formel 1 am kommenden Sonntag beim Grand Prix von Brasilien in die 19. und letzte Runde der diesjährigen Weltmeisterschaft. Start im Autodromo Jose Carlos Pace ist um 14:00 Uhr Ortszeit (17:00 Uhr MEZ). Für Teams wie Fahrer stellt der Brasilien-Grand-Prix immer wieder eine besondere Herausforderung dar.
Für die Fahrer heißt es in Interlagos, körperlich absolut fit zu sein, da nicht nur die heißen Temperaturen in Südamerika und die hohe Luftfeuchtigkeit ihren Tribut fordern, obwohl das Rennen gegenüber früher um ein halbes Jahr nach hinten verlegt wurde. Ganz besonders die vielen Unebenheiten im Belag und die Tatsache, dass die 4,309 Kilometer lange Strecke gegen den Uhrzeigersinn gefahren wird, machen selbst dem durchtrainiertesten Nacken schwer zu schaffen.
Die Teams müssen nicht nur aus diesem Grund eine sehr gute Abstimmung für die Autos finden, um Probleme mit abgeschmirgelten Unterböden und verrutschten Frontflügeln – wie bei David Coulthards McLaren-Mercedes 1999 geschehen – zu vermeiden. Peter Sauber musste 2000 gar beide Autos vom Rennen zurückziehen, weil die Heckflügel weichgeklopft wurden.
Bei Fahrern und Teams gehört der Grand Prix von Brasilien zumindest wegen der Stadt Sao Paulo nicht unbedingt zu den Favoriten. Ralf Schumacher meinte sogar einmal: “Nur wer seine Frau loswerden will, nimmt sie mit nach Brasilien.” Leider gehört die Stadt neben Mexiko-City und Tokio nicht nur zu den drei größten Städten der Welt, sondern aufgrund der extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich auch zu jenen mit der höchsten Kriminalitätsrate. Die Slums rund um die 13 Kilometer von Interlagos entfernte Stadt passen so gar nicht zum Image der glamourösen Formel 1.
Eine der größten Städte der Welt
Vorsicht ist also auf jeden Fall angebracht, denn auch der Straßenverkehr ist gewöhnungsbedürftig: In einer 20-Millionen-Stadt – Sao Paulo liegt etwa 800 Meter über dem Meeresspiegel, 80 Kilometer vom Atlantik entfernt -, in der täglich über fünf Millionen Autos die Straßen in ein heilloses Chaos verwandeln, tut man als Besucher gut daran, sich in die geübten Hände der Taxifahrer zu begeben. Das spart jede Menge Nerven und ist durchaus erschwinglich. Man sollte – je nachdem, wo man wohnt – aber trotzdem genügend Zeit für die tägliche Anfahrt zur Strecke einplanen, da eine Stunde Fahrtzeit für zehn Kilometer in Sao Paulo nicht unüblich ist.
Fans, die ihre Stars aus der Nähe sehen wollen, sowie Autogrammjäger haben es in Brasilien relativ einfach: Die meisten Fahrer wohnen im Hotel Transamerica. Abends trifft man den einen oder anderen auch schon mal beim gemütlichen Essen in der Churrascheria Fogo do Chao, im Baby Beef oder der La Vecchia Cucina an, und Sonntagabend geht’s zum Tanzen ins Love Story oder ins Charlie’s. Für ausgedehnte Einkaufstouren empfiehlt sich das Shopping-Center im Stadtteil Morumbi, übrigens ganz in der Nähe des Friedhofs Morumbi, auf dem Ayrton Senna begraben ist – für Fans sicher ein Muss.
71 Runden sind am Renntag im Autodromo Jose Carlos Pace von Interlagos, einem Vorort von Sao Paulo, zu absolvieren. Bei einer Streckenlänge von 4,309 Kilometern entspricht dies einer Renndistanz von 305,909 Kilometern. Mit vier Siegen (1994, 1995, 2000 und 2002) ist Michael Schumacher der mit Abstand erfolgreichste Formel-1-Fahrer in Interlagos. Erfolgreichster Pilot überhaupt beim Brasilien-Grand-Prix war jedoch Alain Prost mit sechs Siegen (1982, 1984, 1985, 1987, 1988 und 1990), der allerdings das Gros seiner Erfolge in Rio de Janeiro einfuhr.
Traditionell hohe Ausfallsrate
Jahr für Jahr fordern die heißen Temperaturen und die wellige Piste nicht nur die Fahrer, sondern auch die Autos, was zu vielen Ausfällen führt. Lokalmatador Rubens Barrichello, der nur unweit der Rennstrecke aufgewachsen ist, kann ein Lied davon singen: Ausgerechnet er sah bei 17 Starts bisher erst sieben Mal die Zielflagge: 2010 als 14., 2009 als Achter, 2008 als 15., 2006 als Siebter, 2005 als Sechster, 2004 als Dritter und 1994 als Vierter.
Die Ausfallsrate ist traditionell hoch. Obwohl die Veranstalter immer wieder neu asphaltieren, bekommen sie die Bodenwellen nicht in den Griff. Das liegt daran, dass der Untergrund, auf dem die Rennstrecke errichtet wurde, so sehr nachgibt, dass hier keine Häuser mehr gebaut werden dürfen.
Aufgrund der hohen Kriminalität, dem schlechten Zustand der Boxenanlagen und der Piste sowie den chaotischen Verhältnissen um die Rennstrecke herum – immer wieder werden Teammitglieder auf offener Straße ausgeraubt – wurden Rufe laut, das Rennen aus dem Kalender zu streichen. Doch was wäre die Formel 1 ohne ein Rennen auf brasilianischem Boden?
Einst war es Volksheld Ayrton Senna zu Beginn der 1990er-Jahre, der wie Rubens Barrichello und Felipe Massa ein “Paulista” ist und das Rennen wieder von Rio de Janeiro nach Sao Paulo lockte, auch wenn sicherlich die Tatsache, dass der Franzose Philippe Streiff im Jahr davor nach einem Unfall wegen mangelhafter Hilfeleistung durch das Streckenpersonal eine Querschnittslähmung davontrug, dem Streckenwechsel nachhalf.
Erster Interlagos-Grand-Prix schon 1973
Es war 1973, als der Grand Prix von Brasilien erstmals in Interlagos stattfand, bevor man 1979 das Rennen über einige Jahre hinweg in Jacarepaguá in der Nähe von Rio de Janeiro austrug. 1990 kehrte das Rennen nach Interlagos zurück, nachdem die Strecke modernisiert wurde. Übrigens stammt ein Teil des Streckendesigns aus dem Kopf des legendären Nationalhelden Ayrton Senna, was erklärt, warum der Streckenverlauf den Fahrern zumeist gefällt und der Kurs fahrerisch recht anspruchsvoll ist.
Ungewöhnlich ist in Brasilien vor allem die Start- und Zielgerade, die nicht eben ist und die Autos am Start leicht ins Rollen geraten lässt. Ferner liegt sie niedriger als die Boxengasse, was dazu führt, dass die Teamchefs auf ihren Kommandoständen wie in einer Theaterloge auf ihre Fahrer schauen können. Für die nicht nummerierte Haupttribüne stehen viele Fans eine ganze Nacht Schlange, was vor den Eingängen zu chaotischen Zuständen führt. Dem Europäer, der nicht selten unter dem Verkehrschaos, dem Smog und oftmals auch einer Magenverstimmung wegen des Essens leidet, ein wenig erholsames Erlebnis…
Die Strecke selbst sorgt dafür, dass die Fahrer und ihre Ingenieure beim Abstimmen der Autos tüchtig ins Schwitzen kommen. Im Qualifying wurde nach altem Reglement für eine schnelle Runde mit viel Flügel gefahren, im Rennen benötigte man eine völlig andere Abstimmung, um auf den langen Geraden über genügend Höchstgeschwindigkeit zu verfügen, um überholen zu können und um nicht selbst überholt zu werden. Mit dem neuen Reglement ist das freilich hinfällig, da das Setup ja nach dem Qualifying nicht mehr angerührt werden darf. Weil die Aerodynamik wegen des geringeren atmosphärischen Drucks in der Höhenlage eine weniger bedeutende Rolle spielt als anderswo, ist dies aber weniger gravierend als zunächst angenommen.
Das sagt Christian Danner über die Strecke:
“Der brasilianische Grand Prix ist ein emotionaler Grand Prix. Dort lebt das Publikum sowas von mit, und diesmal gibt’s ja auch noch eins obendrauf, nämlich Bruno Senna. Dieser klingende, wohlbekannte Name, zum ersten Mal in einem einigermaßen guten Auto. Also, da wird die Stimmung gut sein.”
“Also die Strecke ist wirklich sehr anstrengend aufgrund ihrer Charakteristik. Die Bodenwellen sind Gott sei Dank nicht mehr so schlimm. Aber es gibt nur eine kurze Gerade, die eigentlich nur eine Kurve ist. Und es gibt sehr viele langsame Passagen, da ist man sehr in Action. Das ist schon anstrengend.”
In Brasilien glaube ich, dass wir wieder mit den selben Jungs zu tun haben wie immer. Also mit Red Bull, mit McLaren und ein bisschen Ferrari. Zumindest die Hälfte Ferrari, die wirklich hier was zerreißen kann, nämlich mit Fernando Alonso. Ich glaube nicht, dass man eine Überlegenheit von einem der Teams sieht, aber der McLaren ist schon dran am Red Bull.”
Quelle: www.formel1.de